documenta_14 | Von Nutten und Nazis – Sexperten in Aktionskunst

pixiepeemagic Pixie-Propaganda, SM-ESSAY

Ich war am Anfang meines Kulturwissenschaftsstudiums als ich zum ersten Mal von Annie Sprinkle, Doktor, Künstlerin und ‚Hure‘, hörte. 
Meine Freude war mindestens so gross wie damals, als ich zum ersten Mal davon hörte, dass man mit Sex Geld verdienen könne. Da muss ich 15 Jahre alt gewesen sein und hatte gerade die Kategorie ‚Kurtisanenliteratur‘ in der Stadtbibliothek entdeckt. Fortan ging ich seltener in die Jugendbuchabteilung und träumte lieber davon eines Tages selbst so eine herrliche Kurtisanen-Karriere in Angriff zu nehmen.

Meiner Mutter wollte ich erstmal nichts davon erzählen, denn meinen letzten Berufswunsch fand sie schon so komisch. Da war ich sieben und wollte Obdachloser werden. Aber nun schien ich ja eine Autoritätsperson gefunden zu haben, an der ich mich orientieren konnte: Annie Sprinkle. 
 
Postporn Übermutter Annie Sprinkle
Godmother of Postporn Annie Sprinkle
Foto: Pressefoto

Promovierter Pornstar Annie Sprinkle – Role Model of Pixie Pee Magic

Angefangen als Kinokartenverkäuferin für ‚Deep Throat‘, wurde Annie Sprinkle bald die Domina des Filmregisseurs. Kurz darauf war sie selbst in  Pornofilmen zu sehen und führte 1981 die Pornofilmcharts mit ihrem Regiedebut ‚Deep Inside Annie Sprinkle‘ an. Sie entwickelt die tantrische Yoni-Massage mit Theologe und Sexualforscher Joseph Kramer, zeitgleich arbeitet sie als Prostituierte. 1992 hinterlegte sie eine Dissertation am  Institute for Human Sexuality in San Francisco und machte einen Bachelor of Fine Arts.  Ihre Karriere als Sex-Educator und Performanceartist begann aber schon Ende der 70er. Mit ‚Public Cervix Announcement‘ erreichte sie Weltberühmtheit in der Kunstszene.

Art Performance by Sex Artist Annie Sprinkle
Public Cervix Announcement – Performance by Annie Sprinkle
Foto: Pressefoto

Heute ist Annie Sprinkle regelmässiger Gast an Universitäten, in Galerien und Museen und zuletzt auf der documenta_14 in Kassel, der bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst der Welt, zu sehen gewesen. Und nun ratet mal wer sie da tatkräftig unterstüzt hat? Genau Miss Mistress Pixie Pee Magic, die so ein grosser Fan ist, dass sie sich sogar namentlich an ihr Pinkelidol anlehnt.

Sidewalk Sex Clinic – Free Advice From Sex Experts

Und nicht nur die. Ein ganzes Dutzend Sexexperten aus dem deutschsprachigen Raum reiste an, um das Aktionskunstkonzept von Annie Sprinkle und ihrer Ehefrau Beth Stephens aus Amerika auch hier lebendig zu machen: Beratung zur eigenen Sexualität im Vorbeigehen. Öffentlich. Als wäre Sex ganz normal. Also Sex haben, über Sex nachdenken, Sex kaufen.

Und: Über Sex reden. Zum Beispiel mit Dr. Papito, Trans Love Artist mit den Kernthemen Gender Play und Flux Sex oder mit Domina Kristina Marlen Expertin für Bondage und Tantric Kink und Amazon Play, Talaya Schmid, Festival Director der Porny Days in Zürich mit den Themen Naughty Karma und Long Term Relationships, Sexological Bodyworkerin Schmitt, Sexual Alchemist Jake Winchester und mehr schillernden Persönlichkeiten mit erregender Biografie.

sex-experten auf kunstausstellung
Sexperten-Team der Performance ‚Free Sidewalk Sex Clinic‘, documenta14
Foto: U. Zimmermann
Sex Experts

Das  Interesse und das Vertrauen der Besucher war groß. Ratsuchende standen Schlange, es bildete sich ein Fotografen-Pulk, Schaulustige jubelten uns zu. Und schienen aufzuatmen: Ein Horde plappernder Nutten? Naja, ist ja documenta, Kunst muss dürfen dürfen.  

In meiner Funktion als Domina, Kulturwissenschaftlerin und Tantra-Masseurin wurde ich mit Fragen überhäuft. „Wie finde ich die richtige Sub? Ich bin einfach zu dominant… ich brauche Widerstand von unten!“ (Es stellte sich heraus, dass der Fragesteller vor allem jemanden sucht der genau so ist wie seine Ex-Freundin.) Oder: In meiner Ehe gibt es seit vielen Jahren keinen Sex mehr, was kann ich tun? Oder – ein Dame um die 70: Ich habe mir Dominas immer zynisch vorgestellt, sie wirken aber gar nicht so. Warum? Oder ein junges Mädchen: Ich will endlich einmal Sex, aber mein Freund will nicht. Was soll ich meinen Freundinnen sagen? Oder ein verwitweter Herr: Letzte Woche habe ich seit sehr langer Zeit wieder jemanden kennengelernt. Sehen sie Chancen für mich in dieser Bekanntschaft?  

Die ganze Aktion hat absurd gut funktioniert. Wie Beth Stephens im Anschluss festhielt: Es war magisch, wir waren das Orakel von Delphi, wir wussten einfach immer die richtige Antwort. Das war unglaublich. Aber mir kam noch viel mehr unglaublich vor: Fremde Menschen schütten anderen fremden Menschen von 0 auf 100 ihr Herz aus. Sie offenbaren sich komplett und sparen überhaupt nicht mit intimen Details. Hier schien ein Bedarf zu sein. Und: Der ganze Raum strahlte schon nach wenigen Minuten vor Freude und Herzlichkeit. Die Menschen waren begeistert, fühlten sich mit ihren Problemen wahrgenommen und verstanden und vor allem gut beraten. Der Vibe war durchwegs sexpositiv. Sexarbeitende wurden als beratende Autorität anerkannt.   Man hätte meinen können das Putin längst verstorben war, Dominas neuerdings mit den Kindergartentanten ihrer Sprösslinge über die Arbeit plaudern und das Prostituierten’schutz’gesetz von 2017 mitsamt seiner Registrierungspflicht und dem ‚Hurenausweis‘ nur ein schlechter Politscherz war. Für kurze Zeit fühlte ich mich in einer Welt, in der mich meine Verwandten bei der Familienfeier für meinen Fleiss und den errungenen Erfolg im Beruf loben. Und in der der Friseur nicht gleich eine SMS an seinen Freund schreiben muss, sobald er weiss warum ich trotz Haarschädigung an meiner Blondierung festhalte (Kommt nun mal gut an in meinem Berufsfeld).

Schädelstätte der Geschichte 

Auf dem Platz auf dem die Documenta seit 1955 stattfindet, fanden im dritten Reich Versammlungen der Nationalsozialisten statt. Auch Bücher wurden hier verbrannt, das grösste Kunstwerk der documenta_14 macht darauf aufmerksam. Hegel bezeichnete den Ort als ‚Schädelstätte der Geschichte‘. Und so konstatiert der künstlerische Leiter der Ausstellung, Adam Szymczyk, auf eben diesem Platz ganz recht: „Dies markiert einen Funktionswechsel – etwas, was eine Tötungsmaschine war, wird zu einem Ort der Produktion von Beziehungen.“ (Bei der Eröffnung der Kunstaktion ‚Parlament der Körper‘.)

Marta Minujín, The Parthenon of Books, 2017, documenta 14, Foto: PPM

Freedom isn’t free

Ein freier Ort, an dem wir es  nicht nur geschafft haben uns (Sexworker und Rest der Gesellschaft) vorurteilsfrei aufeinander zuzubewegen, sondern auch noch frei von der Leber weg über unsere Sexualitäten zu beraten und dabei temporär in höchst intime Beziehung zu geraten. Eine Qualität die ich auch aus meinen Sessions gut kenne und die der Ethnologe Victor Turner ‚Communitas‘ nennt: „The sense of being emotionally, intuitively integrated into humanity, soul to soul contact.“ ‚Communitas‘ im Kontrast zu den Regeln und Rollen wie sie in der sozialen Struktur einer Gesellschaft gelten. Für die Dauer des Rituals sind alle gleich. Wir haben einen freien Raum geschaffen, den wir nicht für selbstverständlich halten dürfen. Oder wie Annie Sprinkles Freundin Gloria sagt: „Freedom isn’t free.  We have to exercise our freedoms in order to hold on to them“.

Dominantes Campen – Pixie’s Unterkunft in Kassel (‚fensterzumhof‘)

Das neue Prostituierten’schutz’gesetz als friedenssichernde Massnahme. Mittlerweile wissen die Meisten was das bedeutet: Krieg.

Seit 2017 sind in Deutschland alle ‚Sexarbeiter‘ einer Gesetzesänderung unterworfen die Stigmatisierung und Kriminalisierung von SexworkerInnen vorantreibt. Ganz im Gegenteil zu dem was es behauptet. Nämlich den Schutz derselbigen. Das Prostituierten’schutz’gesetz scheint mir eine friedenssichernde Massnahme zu sein. Und mittlerweile wissen die meisten was das bedeutet: Krieg. Sexarbeiterinnen werden zur Registrierung gezwungen. Sie müssen ihre Daten preisgeben und bekommen ein Papier, das sie als Sexarbeiterin ausweist, und das sie bei der Arbeit mit sich führen müssen.  Wehe der, der ihre Tasche geklaut wird. Wehe den Registrierungsdatenbanken die gehackt werden könnten. Wehe der Mutter des Boyfriends die bei der Polizei als Sekretärin arbeitet und deinen Namen checkt (das ist mir passiert). Wehe Fahrzeugkontrolle, und der Polizist spricht dich auf deinen Beruf an, während jemand neben dir sitzt der es nicht wissen soll (meiner Kollegin passiert).

Solange die Sexarbeit stigmatisiert ist, ist ihr Schutz die Anonymität.

Lady Emma Steel

Being safe is scary

Performance Artists in front of Artpiece by Cennetoğlu
Banu Cennetoğlu, Being Safe Is Scary, 2017, documenta 14, Foto: U. Zimmermann

Annie Sprinkle hat in den 70ern einen mutigen Anfang für die Entstigmatisierung von Sexworkern gemacht, heute bringt sie Sexarbeiter auf die documenta und die Besucher danken es ihr.  Sie merken, dass sie aufgeklärte Experten vor sich haben, die ihnen in zentralen Aspekten ihres Leben helfen können. Aspekte die in unserer verkorksten Gesellschaft gerne verschwiegen werden. Solche Experten sollten anerkannt sein. Sie stattdessen mit einem Zwangsausweis zu brandmarken, wie in dunkelsten Zeiten, ist sicher nicht der richtige Weg.